Gespräch mit dem Bundestagsabgeordnetem Helge Lindh (SPD)
Helge Lindh ist Berichterstatter seiner Fraktion für das Betreuungsrecht. Grundlage des Gesprächs war das Positionspapier des BdB zur Reform der Betreuervergütung und zu deren Evaluation.
Ziel war es, den Abgeordneten für die Forderungen nach einer nachhaltigen, leistungs- und verantwortungsgerechten Vergütung zu gewinnen, wie sie der Koalitionsvertrag vorsieht.
Evaluation darf nicht länger warten
Der BdB fordert zeitnah ein Konzept für die Evaluation, eine enge Beteiligung der Praxis bei der Erhebung der Daten und eine zügige Verständigung zwischen Bund und Ländern über die nächsten Schritte zur Reform. „Wir brauchen ein Vergütungssystem, das den professionellen Anspruch des Berufs und die hohe Verantwortung widerspiegelt – nicht eines, das den niedrigsten Standards genügt“, sagte Hülya Özkan zum Positionspapier.

BdB-Vorsitzende Hülya Özkan © Sven Darmer
BdB fordert einheitliche Fallpauschale
Der Verband schlägt eine einheitliche Fallpauschale von 426 Euro pro Klient*in und Monat vor auf Grundlage eines Stundensatzes in Höhe von 86,55 Euro. Das bildet nach unabhängigen Berechnungen den tatsächlichen Aufwand von rund fünf Stunden pro Monat und Klient ab und entspricht den Fachleistungen im sozialen Bereich.
Vereine und Berufsbetreuer*innen unter Druck
Die BdB-Vorsitzende Hülya Özkan schilderte die aktuelle Lage: „Die Abrissbirne droht nicht, sie ist da: Vereine schließen, weil sie ihre fest angestellten und tariflich bezahlten Betreuer nicht refinanzieren können. Berufsbetreuer*innen gehen früher in Rente oder geben ihre Büros auf. Manche müssen sogar Insolvenz anmelden, weil etliche Amtsgerichte in Deutschland auch noch die Vergütungsanträge monatelang nicht begleichen.“
Nachwuchs bricht weg
So ließe sich kaum Nachwuchs gewinnen, so BdB-Geschäftsführer Dr. Harald Freter: „Wir haben bundesweit massive Nachwuchsprobleme. Zu wenige Menschen wollen in den Beruf gehen. Ursache sind die schwierigen Rahmenbedingungen und eine Vergütung, die weder nachhaltig noch leistungs- noch verantwortungsgerecht ist.“
Hülya Özkan sagte: „Rechtliche Betreuung ist ein wunderbarer Beruf. Doch kann ich niemandem mehr guten Gewissens empfehlen, ihn zu ergreifen. Die Rahmenbedingungen stimmen nicht.“

BdB-Geschäftsführer Dr. Harald Freter und BdB-Vorsitzende Hülya Özkan © Sven Darmer
Inflation verschärft die Krise
Die Inflation habe die Lage verschärft, der Ausgleich reiche bei weitem nicht: „Zum 1.1.2026 soll es eine leichte Erhöhung geben. Angekündigt wurde ein Plus von 12,7 Prozent. Doch das wird bei vielen Berufsbetreuer*innen nicht so ankommen wie versprochen. In meinem Büro sind es nur 3,4 Prozent“, so Hülya Özkan, die in Bielefeld als selbstständige Berufsbetreuerin arbeitet.
Gesellschaft braucht mehr Berufsbetreuer*innen
Überall im Land suchen die Betreuungsgerichte und Betreuungsbehörden händeringend nach Berufsbetreuer*innen. Der Bedarf steigt. Harald Freter: „Die Gesellschaft läuft sehenden Auges auf eine Wand zu. Immer mehr Menschen sind auf rechtliche Betreuung angewiesen – vom Alter über Krankheit bis hin zu psychischen Erkrankungen und Sucht. Zugleich nehmen immer weniger Angehörige ehrenamtliche Betreuung auf sich. Wir brauchen dringend mehr Berufsbetreuer*innen.“
Politik muss sich an der Praxis orientieren
Helge Lindh sagte abschließend: „Ich bin ein großer Fan davon, dass Politik pragmatisch vorgeht und sich an der Umsetzung von Gesetzen orientiert. Und deshalb war es ein ausgesprochen hilfreiches, konstruktives Gespräch, da ich genau spüren konnte, wo wir Handlungsbedarf haben und wo wir uns vielmehr noch an der Praxis gesetzgeberisch orientieren sollten.“

BdB-Vorsitzende Hülya Özkan und Bundestagabgeordneter Helge Lindh (SPD) © Sven Darmer
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